Runde 11
[ud] Start frei zur letzten Runde! Stefan Kindermann spielt heute mit den schwarzen Steinen gegen den jungen Esten Kanep. Schon im fünften Zug weicht der Anziehende mit Db3 von den Hauptvarianten der Slawischen Verteidigung ab. Offensichtlich hat sich der Münchener Großmeister innerhalb weniger Jahre einen ausgezeichneten Ruf als Verfechter der schwarzen Seite geschaffen. Im achten Zug betritt Stefan mit …Da5 Neuland und verlässt die zuletzt in dieser Variante gespielte Partie zwischen Gelfand und Fressinet aus dem Jahr 2007. Sein erst 25-jähriger Gegner legt als Erster seine Karten offen auf den Tisch, indem er mit der langen Rochade unmissverständlich klarmacht, dass er die letzte Runde nicht friedlich beenden, sondern mit einem Angriffssieg abschließen will. Es entspinnt sich ein spannender Kampf mit heterogenen Rochaden, wobei Stefan mit einem Bauernsturm zum Erfolg kommen will (…b5, …a6, …c5) und Weiß mit einem Figurenangriff über die geöffnete g-Linie den schwarzen Monarchen zur Strecke bringen möchte. Den Höhepunkt erreicht die Partie im 22. Zug, nachdem Schwarz mutig seinen c-Bauern bis tief ins weiße Lager hineingerammt hat:

Jetzt folgt eine schöne und weit berechnete Kombination, die in einigen Varianten die unsichere weiße Königsstellung ausnutzt: 22. … S×e5! 23. Tg5?! (23. d×e5? D×e5†; 23. Dg5!? Sc6 24. D×a5 S×a5 25. Le3 und Schwarz steht besser, aber noch nicht auf Gewinn) 23. . f5! 24. Sf6†?! S×f6 25. D×e5 D×e5 26. d×e5 Sd5 (26. . Kf7! mit der Idee 27. e×f6? g×h6 28. Tgg1 Ld6! wäre vielleicht noch stärker gewesen) 27. Tg2 Kf7 (interessant ist auch 27. . f4 28. Lc4 (28. Lg5 Kf7 nebst .h6) 28. . Kh8 29. L×d5 e×d5 30. L×f4 d4 31. Kb2 d3—+) 28. Ld2 Lc5! 29. T×c2 Ld4† 30. Kb1 T×c2 31. K×c2 L×e5.
Nachdem sich der Rauch verzogen hat, findet sich Weiß zu seinem Entsetzen in einem verlorenen Endspiel wieder. Souverän verwertet Stefan Kindermann mit sauberer Technik seinen großen Vorteil. Mit diesem Sieg erreicht Stefan in der Endabrechnung ein Gesamtergebnis von 6½ Punkten aus 10 Partien, was einer Performance von 2559 ELO-Punkten entspricht und einen Zugewinn von 8 Punkten ergibt.
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Dijana muss in der Schlussrunde gegen die starke Vietnamesin Pham Le Thao antreten. In einem a6-Slawen verlässt die Anziehende schon früh mit 5. Dc2 die ausgetretenen Theoriepfade. Mit dem siebenten Zug von Schwarz betreten beide theoretisches Neuland. Der nun folgende Kampf dreht sich ganz um die wichtigen Zentralfelder e4 und e5. Vielleicht sollte Schwarz mit 10. . b5 11. c×d5 c×d5 12. Tc1 Lb7 die Kontrolle über e4 verstärken. Das nächste Dutzend Züge ist geprägt von schwerblütigem Lavieren und ich muss gestehen, die Manöver beider Seiten nicht wirklich zu verstehen … Insgesamt wirkt das Spiel der Weißen freier und nicht so kompliziert, jedoch alles andere als zwingend. Am Ende des vielzügigen Lavierens schwächt sich Dijana zu stark am Königsflügel, was von ihrer Gegnerin weitsichtig ausgenutzt wird.

Hier hätte die Anziehende sehr unangenehm 35. Db1 spielen können, mit der Idee 35. … Lf5 mit 36. e6! auszuhebeln, z.B. 36. … D×e6 37. T×e6 L×b1 38. L×d5! mit großem Vorteil. Aber auch nach der Partiefortsetzung 35. h4 krankt die schwarze Stellung an zuvielen taktischen Schwachpunkten. Die Vietnamesin spielt diese Phase sehr stark und lässt der heroisch kämpfenden Dijana keine Chance mehr. Nach 65. Zügen muss Dijana leider das Handtuch werfen.
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Roman Krulich wird in seiner letzten Partie auf der Olympiade mit einem nicht selten gespielten Fianchetto gegen seinen slawischen Aufbau konfrontiert. Beide Seiten spielen eher bedächtig und es scheint, dass nach dem frühen Damentausch die Partie schnell zum Ausgleich und einer Punkteteilung führen würde. Ich persönlich hätte im Geiste der Leningrader-Variante der Holländischen Verteidigung 14. . f5 15. Sc5 S×c5 16. L×c5 e5 17. e4 f4 versucht. Aber auch nach der Partiefortsetzung wirkt das weiße Spiel sehr harmlos. Später wäre 20. . Ld6 eventuell einfacher: 21. L×d6 e×d6 22. T×d6 Lh3† 23. Lg2 L×g2† 24. K×g2 T×e2 mit Ausgleich. Die Position bewegt sich jedoch immer noch deutlich innerhalb der Remisbreite. 23. … c5 würde auch leicht ausgleichen und dem Weißen keine Expansion im Zentrum zulassen. Trotzdem sind die schwarzen Züge noch nicht zu kritisieren. Nach dem erfolgten Tausch beider Turmpaare entsteht ein Doppelläuferendspiel, welches vollkommen ausgeglichen steht. 34. … f5 gefällt mir allerdings nicht so gut, weil Weiß jetzt zumindest theoretisch einen Freibauern am Königsflügel bilden kann. Die Partie wirkt auf mich so, als ob jetzt der bisher schlafende und uninteressierte Riese aufgewacht wäre. Plötzlich spielt Weiß bärenstark und setzt Roman stark unter Druck. Das Endspiel wird nun unangenehm. Ein taktisches Versehen im 51. Zug besiegelt sein Schicksal: Der wichtige h-Bauer geht verloren und damit die Partie.
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