Runde 9
[ud] Stefan Kindermann kommt heute wieder mit den schwarzen Steinen zu seiner Leib-und-Magen-Verteidigung. Er muss sie diesmal gegen den starken litauischen Großmeister Eduardas Rozentalis verteidigen. Nach wenigen Zügen entsteht eine Variante, die beide Spieler schon mit der schwarzen Seite auf dem Brett hatten. Schwarz hat in dieser Variante einen isolierten Bauern auf d5, aber als Gegengewicht bekommt er das schöne Springervorpostenfeld e4 und freies Figurenspiel. Weiß versucht seinerseits, das Blockadefeld vor dem Bauern mit einer Figur zu besetzen und im weiteren Verlauf Druck gegen den Bauern d5 aufzubauen. Im Endspiel könnte dieser Bauer zur Schwäche neigen, jedoch wie heißt es so schön: Vor das Endspiel haben die Götter das Mittelspiel gesetzt … Im dreizehnten Zug sehen wir eine Neuerung von Weiß (13. Sc2). Die nächsten Züge auf beiden Seiten dienen der Verbesserung der eigenen Figurenaufstellung, ein Verfahren, das im Schach als »Lavieren« bezeichnet wird. Diese Phase gestaltet der Anziehende zu seinen Gunsten, im 21. Zug schwächt sich Schwarz am Königsflügel mit …g6 — vielleicht wäre der prophylaktische Rückzug des Springers nach d7 besser. Doch scheint mir die schwarze Stellung nur minimal schlechter zu sein. In den nächsten Zügen vergrößert Weiß jedoch mit feinen positionellen Manövern seinen Stellungsvorteil. Gute Züge für Schwarz sind schwierig zu finden, direkte Fehler nicht zu sehen. Im 32. Zug könnte Schwarz möglicherweise etwas Entlastung mit …Dc4 finden, nach dem gespielten Zug …Td8 verliert Schwarz den Isolani auf d5 und muss von da ab mit einem Bauern weniger um das Unentschieden kämpfen. Bis zur Zeitkontrolle im 40. Zug verpasst der Anziehende einige gute Möglichkeiten, Schwarz gelingt es, eine aussichtsreiche Verteidigungsstellung einzunehmen. Bis zum 61. Zug kann Weiß seine Stellung nicht entscheidend verstärken — vielleicht wäre jetzt sogar 61. … b4 für Schwarz möglich. Im 68. Zug macht Weiß einen Fehler, den Schwarz leider nicht ausnutzt:

Es scheint, als ob Schwarz mit 70. ... Td3†! ein Unentschieden forcieren kann: 71. Kg2 (71. Kf2 Sd6! 72. T×a6 Se4† 73. Ke1 Ta3 74. Kd1 Td3† 75. Kc1 Te3=) 71. … Se3† 72. Kf2 (72. Kg1 Td1† 73. Kf2 Sg4†=) 72. … Ta3 73. T×a6 Sg4†=.
Danach entsteht ein berüchtigtes Turm-Endspiel mit gleicher Bauernverteilung am Königsflügel und einem weißen Mehrbauern auf der a-Linie. Dieses Endspiel wurde insbesondere durch Mark Dvoreckij, Rustem Dautov, Johannes Steckner und Karsten Müller ausführlich untersucht. Galt es vormals als sichere Remismöglichkeit für die zahlenmäßig benachteiligte Partei, so haben diese Untersuchungen — und später auch eine bekannte Partie von Péter Lékó — gezeigt, dass Schwarz sehr aufpassen muss, um hier ein Unentschieden zu erreichen.

Mit 80. … Ta4† erhält Schwarz gute Remischancen, während nach dem gespielten Zug 80. … Ta5 Schwarz um einen Zug zu spät kommt. Nach 92. Zügen ist der Kampf entschieden und Schwarz muss den Kampf verloren geben. Maßgeblich beeinflusst hat dieses Ergebnis übrigens meiner Ansicht nach die unsinnige Bedenkzeitregelung des Weltschachbundes FIDE, bei der solch komplizierte Endspiele bei der knappen Bedenkzeit (nach der Zeitkontrolle im 40. Zug lediglich 30 Minuten plus 30 Sekunden für jeden Zug Aufschlag) nicht wirklich sauber durchgerechnet und gemeistert werden können.
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Wie wird es Dijana nach ihrem traumatischen Erlebnis vom Vortag ergehen? Keine Atempause wird ihr gegönnt, sie muss gleich gegen die starke englische Nationalspielerin Ciuksyte antreten, die immerhin 240 ELO-Punkte mehr hat. Keine leichte Aufgabe und das auch noch mit Schwarz. Dijana versucht es mit einer selten gespielten Variante im Tarrasch-System der Französischen Verteidigung. Man merkt die unglückliche Partie des letzten Tages deutlich am Spiel der Nachziehenden, die mit der Brechstange alle Zentrumsprobleme lösen will. Leider ist ihre Gegnerin ziemlich abgebrüht und lässt sich von den aggressiven Zügen Dijanas nicht irritieren. Oder doch?

Mit 19. L×e5 kann Weiß deutlichen Vorteil erzielen, sie unternimmt aber einen plumpen Versuch mit 19. Tac1. Mit 19. … De7! sollte Schwarz Öl ins Feuer gießen. Wer weiß, ob die Engländerin den Weg zum Vorteil mit 20. T×c6! L×f4 21. T×c8 L×g5 22. T×a8 T×a8 23. h4! gefunden hätte? Nach der interessanten Folge 19. … e3!? 20. L×e3 L×b2 21. Tb1 Le5 22. Sf4 wäre 22. … Lg4 oder Lf5 noch ein Versuch wert. Dijana stellt noch eine listige Falle mit 22. … Tf5!?, auf die ihre Widersacherin nicht mit dem besten Zug reagiert. Es folgt 23. Sfe6 L×e6 (23. ... Dd6!?) 24. D×e6 Tf6 25. Dh3 h6 26. Ted1 Td8 27. Dh5 und Weiß steht nur leicht besser. Aber das Schicksal prüft Dijana ein weiteres Mal und anstelle von 27. … T×d1+ 28. T×d1 De7 mit nur geringem weißen Vorteil unterläuft ihr der Lapsus 27. … b6??, was sofort verliert.
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Roman Krulich kommt heute wieder zum Einsatz und er hat sich viel vorgenommen. Nach ruhigem Eröffnungsverlauf nutzt er eine kleine Ungenauigkeit seines Gegners aus Panama aus, mit der er das Läuferpaar und eine schnelle Verdoppelung der Türme auf der d-Linie erreicht. Anfänglich verteidigt sich Luis Pan geschickt und kann fast ausgleichen. Dann verfolgt er jedoch den falschen Plan und überschätzt das schöne Springerfeld auf e4, was Weiß sofort geschickt nutzt, um seinen Läufer auf f4 zu aktivieren. In der Folge kann Roman seinen Springer auf e5 postieren und später den zweiten Läufer von Schwarz abtauschen, womit er in einer offenen Stellung über zwei Läufer gegen zwei Springer verfügt — ein deutlicher Vorteil für die langschrittige Läuferpartei. Konsequent verfolgt Roman seinen Plan, die Läufer zu einer Großmacht werden zu lassen, indem er zuerst beide Turmpaare tauscht und danach noch mit dem Damentausch droht. Hier muss der Nachziehende in den sauren Apfel beißen und hoffen, damit die Stellung halten zu können. Indem er dem Damentausch jedoch ausweicht, eröffnet er Roman eine fantastische Möglichkeit:

Mit den zwei kräftigen Hieben 29. g4! h6 und 30. h4! zwingt er den Schwarzen in die Knie — ein Springer wird verloren gehen! Souverän verwertet Roman seinen großen Vorteil und krönt das ganze noch mit dem Gewinn des zweiten Rappen. Das ist zuviel für sein Gegenüber, der die Partie sofort verloren gibt.
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